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Der Wolfsjunge
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Der Wolfsjunge (Originaltitel: LâEnfant sauvage) ist ein 1970 uraufgefĂŒhrter Kinofilm von François Truffaut. Der Film spielt um das Jahr 1800 in Frankreich. Er zeigt die Lebensgeschichte des Wolfsjungen Victor von Aveyron (gespielt von Jean-Pierre Cargol) nach dem Dokumentarbericht MĂ©moire et rapport sur Victor lâAveyron des Arztes Jean Itard.cite-ref-1[1] Der Wolfsjunge wurde in einem dokumentarfilmĂ€hnlichen Stil in SchwarzweiĂ gedreht und gehört zu den SchlĂŒsselwerken des Regisseurs. Truffaut, der selbst die Rolle des Dr. Itard spielt, verbindet hier zwei seiner Kernthemen: Kinder und Bildung. Der mit geringem Etat gedrehte Film erhielt eine Reihe von Preisen und stieĂ in Frankreich und in den USA ĂŒber CinĂ©astenkreise hinaus auf eine unerwartet groĂe Resonanz. Er traf mit seiner Thematik in den damaligen Jahren der Studentenunruhen den Nerv der Zeit und bildete die Grundlage fĂŒr den Ruf Truffauts als âpĂ€dagogischer Regisseurâ. 2003 wurde der Film in den von der Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung erstellten Filmkanon fĂŒr die Arbeit an Schulen aufgenommen.
Contents
âą Handlung
âą Finanzierung
âą Synchronisation
âą Filmanalyse
âą Auszeichnungen
âą Literatur
âą Weblinks
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Handlung
Im Wald bei Caune im Kanton St. Sernin in SĂŒdfrankreich entdeckt im Sommer 1798 eine Frau einen kleinen nackten Jungen, der sich wie ein Tier durch Unterholz und BĂŒsche bewegt und auf BĂ€ume klettert. Er wird von MĂ€nnern aus dem Dorf gestellt, gefesselt und ins Dorf gebracht. Die Neuigkeit verbreitet sich rasch. Der junge Pariser Arzt Dr. Itard liest in der Zeitung einen Bericht ĂŒber den Jungen. Er ist fasziniert von dem Gedanken, den Jungen zu untersuchen, um den Grad der Intelligenz und die Art der Gedanken eines Kindes festzustellen, das in totaler Isolierung völlig ohne menschliche Erziehung aufgewachsen ist. Der Junge wird unterdessen in einer Scheune gefangen gehalten und dient im Dorf zur allgemeinen Belustigung. Nach mehreren Fluchtversuchen steckt man ihn in eine GefĂ€ngniszelle in Rodez. Der Dorfarzt erhĂ€lt vom Innenministerium die Anweisung, den Jungen nach Paris an das nationale Taubstummeninstitut zu bringen.
Professor Pinel, der Leiter des Instituts, kommt nach einer Untersuchung zu dem Schluss, dass rein Ă€uĂerlich den Jungen nichts von anderen Kindern unterscheide. Er hat jedoch Narben am ganzen Körper und reagiert weder auf GerĂ€usche noch auf optische Reize, es sei denn, sie haben etwas mit Nahrungsaufnahme zu tun. Er erkennt ebenfalls nicht sein Spiegelbild. Eine auffallende Narbe am Hals lĂ€sst Itard und Pinel darauf schlieĂen, dass der Junge im Alter von etwa drei Jahren von seinen Eltern ausgesetzt worden ist, nachdem diese ihm die Kehle durchgeschnitten haben, was er jedoch ĂŒberlebt hat.
Der Junge wird in der Anstalt aufgenommen. Dr. Itard ĂŒbernimmt die Betreuung und beginnt, sĂ€mtliche Erfahrungen, die er mit dem Jungen macht, schriftlich festzuhalten. Der Junge nimmt unter allen anderen Taubstummen die Rolle eines Sonderlings ein und er wird von den anderen Knaben regelmĂ€Ăig verprĂŒgelt. Einer der Pfleger fĂŒhrt ihn gegen Bezahlung Besuchergruppen aus Paris vor. Dr. Itard hĂ€lt nichts von dieser Art Zurschaustellung und er bedauert, dass der Junge lediglich aus Sensations- und Neugier aus seiner gewohnten Umgebung, der Natur, herausgerissen wurde. Er fĂŒrchtet, dass der Junge zugrunde geht. Prof. Pinel hĂ€lt den Jungen fĂŒr einen Idioten und möchte ihn in die Irrenanstalt nach BicĂȘtre ĂŒberstellen. Er hĂ€lt ihn fĂŒr minderwertiger als alle anderen Kinder im Institut. Er stehe sogar noch unter den Tieren. Dr. Itard dagegen hĂ€lt den Jungen grundsĂ€tzlich fĂŒr erziehbar. Er sei lediglich aufgrund der Ă€uĂeren UmstĂ€nde, der jahrelangen Isolation so geworden. Das Kind ist seiner Ansicht nach nicht ausgesetzt worden, weil es schwachsinnig, sondern weil es unehelich war. Itard nimmt den Jungen zu sich aufs Land nach Batignolles, um ihn dort zusammen mit seiner HaushĂ€lterin Mme. GuĂ©rin zu betreuen, wofĂŒr diese jĂ€hrlich 150 Francs erhĂ€lt.
Der Junge lernt nach anfĂ€nglichem Widerwillen nach und nach einige einfache Handgriffe, beispielsweise seine Suppe mit dem Löffel zu essen oder sich selbst anzuziehen. Er zeigt auĂer instinktiven Abwehrreaktionen keinerlei erkennbare GefĂŒhlsregungen. Auf dem benachbarten Bauernhof der Familie Lemeri spielt der Junge gelegentlich mit dem ein paar Jahre jĂŒngeren Sohn der Familie. Er lernt, Milch aus einer Schale zu trinken, den Tisch zu decken und sich durch Gesten auszudrĂŒcken. Dr. Itard versucht, den Jungen spielerisch an GegenstĂ€nde und an die Sprache heranzufĂŒhren. Spiele, die mit Nahrungsaufnahme zu tun haben, lernt der Junge schneller, handelt es sich um andere GegenstĂ€nde, dann strĂ€ubt er sich und wirkt lust- und teilnahmslos. Dr. Itard beginnt, den Jungen fĂŒr Lernerfolge mit Essen oder Trinken zu belohnen.
Der Junge reagiert zwar zumeist nicht auf Ansprache, zeigt jedoch bei Worten, die den Laut âoâ enthalten, eine gewisse Regung. Auf diese Weise kommt der Junge zu seinem Namen Victor (im Französischen liegt die Betonung auf dem langen âoâ). Fortan versuchen Dr. Itard und Mme. GuĂ©rin Victor lautmalerisch an die Sprache heranzufĂŒhren. Zuerst versuchen sie es mit Wasser (französisch âeauâ), spĂ€ter mit Milch (französisch âlaitâ). Einziger sichtbarer Erfolg ist ein mit hoher Stimme gepiepstes âlaitâ, die erste ĂuĂerung Victors, die nicht aus einem Grunzen oder Quieken besteht.
Dr. Itard weiĂ nicht, ob die wenigen Erfolge und Fortschritte tatsĂ€chliche Lernerfolge sind oder ob der Junge sich möglicherweise nur diejenigen Dinge merkt, die ihn zum Erfolg, der Nahrungsaufnahme, fĂŒhren. Itard lĂ€sst Victor nun einfachere Dinge tun: Trommeln, Erbsen entschoten oder Holz sĂ€gen, was diesem sichtlich Freude bereitet. Mme. GuĂ©rin entdeckt, dass Victor einen ausgesprochenen Ordnungssinn hat und Dinge, die anderswo liegen als am Tag zuvor, wieder an ihren ursprĂŒnglichen Platz zurĂŒcklegt. Victor lernt nun, GegenstĂ€nde wie Hammer, Buch oder Kamm ihren abstrakten Bildern zuzuordnen, doch er ist nicht dazu in der Lage, die GegenstĂ€nde den geschriebenen Begriffen zuzuweisen. Die Fortschritte sind spĂ€rlich. Victor wird immer öfter wĂŒtend und er schlĂ€gt um sich, sobald er eine Aufgabe nicht schafft. Kann er jedoch zwanglos spielen, so ist er fröhlich und ausgelassen.
Nach sieben Monaten hat sich in Paris inzwischen Prof. Pinels Meinung durchgesetzt. Itard wendet sich an das Ministerium, hat dort jedoch zunĂ€chst keinen Erfolg. Er beginnt nun, Victor nicht nur zu belohnen, sondern bei falschem Verhalten auch zu bestrafen. Besonders hart fĂŒr Victor ist es, in die Kammer gesperrt zu werden. Als Ergebnis der Strafe erkennt Itard, dass Victor zum ersten Mal weint, was Itard als weiteren Erfolg verbucht. Die Erfolge stagnieren. Itard ist entmutigt und enttĂ€uscht und er bedauert, Victor bei sich aufgenommen zu haben. Da trifft aus Paris ein Brief des Ministeriums ein: Dr. Itards wissenschaftliche Arbeit verdiene Anerkennung und den Schutz der Regierung und es werden weitere Fortschritte erwartet. Itard schafft es mit der Zeit, dass Victor auf Zuruf die unterschiedlichsten GegenstĂ€nde bringt. Victor bastelt sich sogar aus eigenem Antrieb aus Bindfaden und einem Knochen einen Kreidehalter.
Itard ist sich allerdings ĂŒber die Motivation des Jungen immer noch nicht im Klaren, und er beschlieĂt, den Jungen grundlos zu bestrafen. Victor löst eine einfache Aufgabe richtig, wird aber dennoch in die Kammer gesperrt, worauf er sich vehement wehrt und weint. FĂŒr Dr. Itard ist dies der Beweis, dass Victor inzwischen eine Art Gerechtigkeitssinn entwickelt hat. Neun Monate nach Victors Ankunft in Batignolles klettert dieser aus dem Fenster und flieht, kehrt jedoch recht bald zurĂŒck. Victor lĂ€sst sich Ă€uĂerlich teilnahmslos nach oben fĂŒhren. Itard beschlieĂt, den Unterricht wieder aufzunehmen.
Entstehungsgeschichte
Erste PlÀne und Arbeit am Drehbuch
1964 las Truffaut in Le Monde ĂŒber das Buch Les enfants sauvages â mythe et rĂ©alitĂ© von Lucien Malson, einem Professor fĂŒr Sozialpsychologie am Centre National de PĂ©dagogie, der in seinem Buch 52 FĂ€lle von sogenannten Wolfskindern untersuchte, die in Isolation, ohne jegliche menschlichen Kontakte aufwuchsen. Einer dieser FĂ€lle war der Fall des Victor von Aveyron. In Malsons Buch sind zwei Berichte aus den Jahren 1801 und 1806 dokumentiert, in denen der Arzt Jean Itard seine mehrjĂ€hrigen Unterrichts- und Erziehungsversuche eines völlig verwildert aufgegriffenen Kindes beschreibt. Der erste Bericht war fĂŒr die AcadĂšmie de MĂ©dicine bestimmt und erregte ĂŒber die Landesgrenzen hinaus groĂes Aufsehen. Der zweite Bericht wandte sich an das Innenministerium und war verbunden mit der Bitte um eine WeiterfĂŒhrung der Unterhaltszahlung fĂŒr Victors Pflegemutter Madame GuĂ©rin.
Truffaut war von dem Fall fasziniert und beschaffte sich zehn Exemplare des Buchs. Er beschloss, die Geschichte zu verfilmen. Im Herbst 1964 bat Truffaut seinen Co-Autor bei Jules und Jim (1962), Jean Gruault, um Mithilfe bei einem Drehbuch nach der Vorlage von Jean Itards Aufzeichnungen. Im Januar 1965 war Gruaults erster grober Entwurf einer Rahmenhandlung fertig. Er beschaffte sich weiteres Material zum Thema, so etwa eine Arbeit von Condillac aus dem Jahr 1754 ĂŒber den Umgang mit Gehörlosen, und er las Fachartikel ĂŒber autistische Kinder. Im November 1965 umfasste das Drehbuch 243 Seiten, die Truffaut mit Anmerkungen versah und an Gruault zurĂŒckgab. Bis Ende 1966 wuchs der Umfang des Drehbuchs auf knapp 400 Seiten an, was einem etwa dreistĂŒndigen Film entsprochen hĂ€tte. Truffaut bat seinen Freund Jacques Rivette um Hilfe. Rivette schlug im Herbst 1967 vor, die Geschichte ganz auf die beiden Hauptdarsteller zu konzentrieren und alle ablenkenden SeitenstrĂ€nge radikal zu kĂŒrzen. Wiederum ein Dreivierteljahr spĂ€ter, im Sommer 1968, lag schlieĂlich die 151 Seiten lange Endfassung des Drehbuchs vor.
Truffaut traf sich daraufhin mit einem Arzt, der Experimente mit der Stimmgabel an gehörlosen Kindern durchfĂŒhrte, sowie mit weiteren Personen, die sich um gehörlose oder autistische Kinder kĂŒmmerten. Er stieĂ sogar auf den Fall eines Kindes, dessen Verhalten starke Ăhnlichkeiten mit dem aufwies, das Dr. Itard beschrieben hatte.
Finanzierung
Im Dezember 1966, Truffaut war mit den Vorbereitungen zu seinem ersten und einzigen englischsprachigen Film Fahrenheit 451 beschĂ€ftigt, schloss er ein Kooperationsmodell zwischen seiner eigenen Produktionsgesellschaft Les Films du Carrosse und dem französischen Tochterunternehmen der United Artists Les Productions Artistes AssociĂ©s ab. Ziel war die gemeinsame Produktion des geplanten Films Die Braut trug schwarz. Infolge dieser Kooperation sollte auch der Folgefilm Geraubte KĂŒsse von Carosse und Artistes AssociĂ©s koproduziert werden.
Im Herbst 1967 â noch keiner dieser beiden Filme war zu diesem Zeitpunkt im Kino â schloss Truffaut mit UA/Artists AssociĂ©s eine weitere Vereinbarung ĂŒber die Produktion der Filme Das Geheimnis der falschen Braut und Der Wolfsjunge ab. United Artists koproduzierte beide Filme in der Hoffnung, mit den erwarteten Gewinnen des ersten den vermeintlichen Verlust des zweiten Films ausgleichen zu können. Man fand das Drehbuch von Der Wolfsjunge âzu dokumentarischâ. Hinzu kam, dass Truffaut in SchwarzweiĂ drehen wollte, was man Ende der 1960er Jahre ebenfalls nicht fĂŒr publikumswirksam hielt. United Artists beteiligte sich an dem Projekt mit zwei Millionen Francs, letztlich mit dem Ziel, Truffaut nicht zu verlieren. UA ĂŒbernahm die weltweite Auswertung des Films.
TatsĂ€chlich wurde Das Geheimnis der falschen Braut zu Truffauts bis dahin gröĂtem finanziellem Misserfolg, wĂ€hrend Der Wolfsjunge wider Erwarten einen Gewinn erwirtschaften sollte. Doch noch bevor Der Wolfsjunge in die Kinos kam, entschloss sich Truffaut, aufgrund der Zögerlichkeit zukĂŒnftig auf die Zusammenarbeit mit United Artist zu verzichten.
Besetzung der Rollen
Um einen geeigneten Darsteller fĂŒr den Wolfsjungen zu finden, befragten und fotografierten Truffaut und seine Regie-Assistentin Suzanne Schiffman in und um Marseille rund 2500 Kinder. FĂŒnf von ihnen durften zu Probeaufnahmen nach Paris. Anfang MĂ€rz 1969 war schlieĂlich der zwölfjĂ€hrige Jean-Pierre Cargol gefunden. Cargol kam aus Saintes-Maries-de-la-Mer, einer Kleinstadt nahe Marseille. Truffaut beschrieb den Jungen in einem Brief an seine Freundin und Mitarbeiterin Helen Scott als ein schönes Zigeunerkind mit einem sehr animalischen Profil, das aufgrund seines dunklen Teints und seiner drahtigen Figur fĂŒr die Rolle ideal sei.cite-ref-2[2]
Um den unerfahrenen Jungen an die schwierige Rolle heranzufĂŒhren, legte sich Truffaut eine spezielle Technik zurecht: er arbeitete mit Vergleichen. So lieĂ er Jean-Pierre schauen âwie einen Hundâ, den Kopf bewegen âwie ein Pferdâ oder mit groĂen Augen verwundert schauen wie Harpo Marx. Lediglich WutausbrĂŒche stellten laut Truffaut ein Problem dar, denn Jean-Pierre war ein âsehr sanftes, sehr glĂŒckliches und sehr ausgeglichenes Kind.âcite-ref-3[3]
Truffaut war lange unschlĂŒssig, wer den Arzt Jean Itard spielen sollte. Er dachte an einen Fernsehdarsteller oder einen Journalisten, es sollte jedenfalls kein bekannter Kinoschauspieler sein. Er suchte auch nach einem unbekannten Schauspieler, doch irgendwann entschloss er sich, die Rolle selbst zu ĂŒbernehmen. Truffaut war zuvor nur in Kleinstrollen als Schauspieler aufgetreten. Auch deshalb behielt er seine Entscheidung bis kurz vor Drehbeginn fĂŒr sich und weihte dann als Erste Suzanne Schiffman ein. An Gruault schrieb er: âEntschuldige bitte, wenn ich Dir verheimlicht habe, dass ich die Rolle des Dr. Itard selbst spiele, aber ich wollte dies bis zum letzten Moment geheim halten. Ich hoffe, meine amateurhafte Leistung wird Dich nicht enttĂ€uschen.âcite-ref-4[4]
Truffaut sah diese Entscheidung in erster Linie pragmatisch. Er hatte als Regisseur die Aufgabe, den als Schauspieler unerfahrenen Jean-Pierre Cargol zu fĂŒhren und anzuleiten. Gleichzeitig hĂ€tte der Darsteller des Dr. Itard die Aufgabe, Victor, den Wolfsjungen, zu leiten und zu unterrichten. Truffaut verband beides und vermied so die Zwischenebene einer dritten Person. Gruault pflichtete ihm bei dieser Entscheidung bei: âMan sieht Itard fast ausschlieĂlich bei seiner beruflichen TĂ€tigkeit, und die ist der des Regisseurs sehr Ă€hnlich.âcite-ref-5[5]
Bei den beiden wichtigen Nebenrollen des Professors Pinel und der Madame GuĂ©rin kam es Truffaut darauf an, dass diese so nĂŒchtern wie möglich angelegt werden, um die Emotionen des Zuschauers ganz auf Victor zu fokussieren. So engagierte er zwei erfahrene Theaterschauspieler: Jean DastĂ©, den Direktor der ComĂ©die de Saint-Ătienne, und Françoise Seigner, ein Mitglied der ComĂ©die-Française.
Um Kosten zu sparen, griff Truffaut fĂŒr weitere Nebenrollen, wie schon bei frĂŒheren Filmen, auf eigene Mitarbeiter zurĂŒck. So besetzte er fĂŒr die vierköpfige Familie Lemeri den Produktionsleiter Claude Miller samt Frau und Baby sowie den Sohn seiner Assistentin Suzanne Schiffman. Truffauts eigene acht- und zehnjĂ€hrige Töchter Eva und Laura kamen zu ihren ersten kleinen Filmrollen. Drehbuchautor Jean Gruault verkörperte einen der neugierigen Besucher im Institut. Jean-François StĂ©venin, der spĂ€ter noch gröĂere Rollen in zwei anderen Truffaut-Filmen spielen sollte, spielt einen der Dorfbewohner.
Dreharbeiten und Postproduktion
Truffaut beschloss, um den dokumentarischen Anspruch zu unterstreichen, den Film in SchwarzweiĂ zu drehen. FĂŒr die KamerafĂŒhrung entschied er sich fĂŒr NĂ©stor Almendros, von dessen Arbeit bei Ăric Rohmers Film Meine Nacht bei Maud er sehr beeindruckt war. Der Spanier Almendros war zu diesem Zeitpunkt bereits ein international erfahrener und gefragter Kameramann. Truffaut und Almendros sahen sich wĂ€hrend der Vorbereitungszeit einige thematisch verwandte Filme an: Arthur Penns Licht im Dunkel ĂŒber ein blindes und taubstummes MĂ€dchen, oder Tagebuch eines Landpfarrers von Robert Bresson. Die Zeit mit Monika von Ingmar Bergman stand ebenso auf dem Programm wie einige Stummfilme. Es war die erste Zusammenarbeit der beiden und es sollten sieben weitere gemeinsame Filme folgen.
Als Drehort wĂ€hlte Truffaut Aubiat im DĂ©partement Puy-de-DĂŽme im französischen Zentralmassiv. Dort befand sich ein Landhaus, das mit wenigen Ănderungen zum Haus des Dr. Itard umfunktioniert werden konnte. Die Dreharbeiten begannen am 2. Juli 1969 im Wald von Saint-Pardoux bei Montluçon. In der ersten Woche wurden ausschlieĂlich Szenen im Wald gedreht. Die Dreharbeiten verliefen harmonisch und kamen gut voran. Truffaut fand sich in seiner Doppelfunktion als Regisseur und Hauptdarsteller gut zurecht. Suzanne Schiffman vertrat ihn als Regieassistentin, sobald er vor der Kamera stand, sie war auch sein Lichtdouble wĂ€hrend der Proben. Ab Ende August wurden die Dreharbeiten fĂŒr eine Woche in Paris im Institut fĂŒr Gehörlose fortgesetzt. Nach insgesamt 50 Drehtagen trennte sich schlieĂlich das Team. Jean-Pierre Cargol erhielt von der Crew eine 8-mm-Kamera geschenkt.
Truffaut hatte beschlossen, fĂŒr Der Wolfsjunge zeitgenössische Musik aus dem 18. Jahrhundert zu verwenden und er entschied sich fĂŒr zwei StĂŒcke von Vivaldi: Das Concerto Pour Mandoline und Das Concerto Pour Flautino. Er bat den Filmkomponisten Antoine Duhamel, mit dem er bereits bei den beiden vorangegangenen Filmen zusammengearbeitet hatte, die StĂŒcke fĂŒr ihn einzuspielen. Duhamel hatte, wie er sich 2007 in einem Interview erinnerte, die gemeinsame Arbeit zu den beiden VorgĂ€ngerfilmen als eher anstrengend in Erinnerung, da Truffaut wenig Interesse fĂŒr die Postproduktion aufbringen konnte. Allerdings sei Duhamels Arbeit bei Der Wolfsjunge durch die Vorauswahl der Musik sehr viel einfacher gewesen.cite-ref-6[6] Noch bevor der Film im Februar 1970 in die Kinos kam, drehte Truffaut mit Tisch und Bett einen weiteren Film, seinen vierten innerhalb von zwei Jahren.
Synchronisation
Die deutsche Synchronfassung entstand im DEFA Studio fĂŒr Synchronisation, Ost-Berlin. Erika Hirsch schrieb das Dialogbuch und Lisa Honigmann fĂŒhrte Regie.cite-ref-7[7]
| Rolle | Darsteller | Synchronsprecher |
|---|---|---|
| Madame Guérin | Françoise Seigner | Brigitte Lindenberg |
| Dr. Jean Itard | François Truffaut | Winfried Wagner |
| Rémy, alter Dorfbewohner | Paul Villé | Werner Kamenik |
| Pfleger im Institut | Pierre Fabre | Rainer Gerlach |
| Professor Pinel | Jean Dasté | Adolf Peter Hoffmann |
Filmanalyse
Inszenierung und Dramaturgie
Der Film besteht aus drei Teilen: der Gefangennahme Victors und seiner Zeit im Dorf, der Zeit im Gehörloseninstitut sowie der Zeit bei Dr. Itard auf dem Lande. Die ersten beiden Teile, die die Konflikte zwischen Zivilisation und Natur (symbolisiert durch den Jungen) zum Thema haben, umfassen etwa ein Drittel der gesamten Filmdauer von rund 80 Minuten. Die langen Monate des Lernens nehmen damit im Film weniger als eine Stunde in Anspruch. Truffaut entschied sich fĂŒr diese radikale EinschrĂ€nkung, obwohl er bereits einen deutlich umfangreicheren Drehbuchentwurf vorliegen hatte, um ein ausgewogenes VerhĂ€ltnis zwischen den wenigen Erfolgen und den tatsĂ€chlich viel zahlreicheren Misserfolgen zu erreichen.
Im Film bringt Dr. Itard neue Erfahrungen und Erkenntnisse im immer gleichen Ritual am Schreibtisch zu Papier und bewahrt diese so fĂŒr die Nachwelt auf. Truffaut hielt sich sehr eng an diese Vorlage und sie bestimmt letztlich auch das Tempo des Films. Truffauts ErzĂ€hlerstimme liefert, immer aus den Originalunterlagen Itards zitierend, die ĂbergĂ€nge. Truffaut verwendet lange Einstellungen und schneidet sehr sparsam und effektarm. Auf diese Weise werden die Erfolge und die RĂŒckschlĂ€ge fĂŒr den Zuschauer buchstĂ€blich spĂŒrbar.
Truffaut wollte Der Wolfsjunge, den er in Form eines Dokumentarfilms anlegte, als Hommage an das klassische Kino verstanden wissen, und drehte daher in sehr feinkörnigem SchwarzweiĂ, was an die FrĂŒhzeiten des Kinos erinnern und einen Anschein von ObjektivitĂ€t vermitteln sollte. Truffaut nutzte fĂŒr manche BildĂŒbergĂ€nge, vor allem fĂŒr Aufblenden auf und fĂŒr Abblenden von Victor, eine fĂŒr den Stummfilm der 1920er Jahre typische Irisblende, wie er es bereits 1960 bei SchieĂen Sie auf den Pianisten tat und spĂ€ter auch bei Die Frau nebenan (1981). Er zeigt damit einerseits die zentrale Rolle Victors auf, andererseits die Abgeschlossenheit und Eingegrenztheit Victors in seiner eigenen Welt. Zudem passt die Verwendung dieses aus dem Stummfilm stammenden Stilmittels offensichtlich zu einem Film, der unter anderem vom Sprechenlernen handelt.
Einsatz der Musik
Ein wichtiger Aspekt, der die GegensĂ€tze der beiden Welten verdeutlicht, ist der Einsatz der Musik. In Der Wolfsjunge gibt es keine untermalende Filmmusik. Die gesamte neunminĂŒtige Anfangssequenz des Films ist völlig ohne Musik. Die Szenen, die im Wald oder im Dorf spielen, sind lediglich mit NaturgerĂ€uschen und mit Vogelgezwitscher unterlegt. Musik erklingt erstmals, als Dr. Itard in der Zeitung von dem Jungen liest. Die kĂŒnstliche Musik der Menschenwelt steht hier im Gegensatz zur natĂŒrlichen Musik der mannigfaltigen Arten von GerĂ€uschen im Wald.
Musik findet Verwendung in den Szenen, in denen mit Victor etwas geschieht oder in denen Entscheidungen ĂŒber Victor getroffen werden. Truffaut setzt dabei ausschlieĂlich zwei StĂŒcke von Antonio Vivaldi ein: Das Konzert fĂŒr Mandoline und das Konzert fĂŒr Flöte.
Das Flötenkonzert wird in denjenigen Szenen verwendet, in denen ein Fortschreiten der Handlung oder eine weitere Stufe auf dem Weg Victors hin zum âMenschenâ erkennbar ist, es taucht aber auch in denjenigen Szenen auf, in denen die GegensĂ€tze der beiden Welten betont werden. Das Mandolinenkonzert dagegen wird stets dann eingesetzt, wenn die Handlung stagniert oder RĂŒckschlĂ€ge erlitten werden.
Als zum ersten Mal Musik erklingt, entsteht in Dr. Itard der Wunsch, den Jungen zu sich zu nehmen und zu âerziehenâ, also in die menschliche Gesellschaft einzufĂŒhren. HierfĂŒr verwendet Truffaut das Flötenkonzert, das auch in vier Ă€hnlich gelagerten Szenen zum Einsatz kommt: Der Dorfarzt wĂ€scht dem Jungen im GefĂ€ngnis das Gesicht und legt den Menschen unter der âwildenâ HĂŒlle frei â der erste Schritt zur physischen Menschwerdung. Dann spĂ€ter die beiden Bestrafungsszenen, in denen Victor erstmals weint und wo er sich gegen die ungerechte Behandlung auflehnt. In beiden FĂ€llen steigt Victor jeweils eine weitere Stufe zum âMenschseinâ hinauf. SchlieĂlich erscheint das Motiv am Ende des Films bei Victors RĂŒckkehr, nachdem der Junge erstmals selbstĂ€ndig eine Entscheidung getroffen hat. Szenen, in denen der Gegensatz zwischen Victors freier Welt und der kĂŒnstlichen Welt der Menschen zutage tritt, werden ebenfalls mit dem Flötenkonzert unterlegt: Victor sieht mit leerem Blick in den Spiegel, er steht am Fenster und trinkt Wasser, er spielt mit einer Kerze, und er spielt nachts bei Vollmond im Garten, wobei ihn Dr. Itard durch das geschlossene Fenster beobachtet.
Das Mandolinenkonzert ist erstmals zu hören, als Mme. GuĂ©rin Victor nach dessen Ankunft im Hause Dr. Itards die NĂ€gel schneidet und ihn badet. SĂ€mtliche Spiele, die Dr. Itard mit Victor unternimmt, wie auch die unerfreuliche Fahrt Itards ins Ministerium nach Paris sind mit diesem StĂŒck unterlegt. Zwei Mal flieht der Junge aus dem Hause des Doktors. In beiden Szenen ist das Mandolinenkonzert zu hören. Im ersten Fall findet ihn der Doktor auf dem Baum im Garten, beim zweiten Mal kehrt Victor schlieĂlich einige Zeit spĂ€ter aus eigenem Antrieb zurĂŒck. In keiner dieser Szenen ist tatsĂ€chlich ein Fortschritt im Lernprozess zu erkennen.
Themen und Motive
Unterschiede zwischen Geschichte und Film
Truffaut legte Der Wolfsjunge in Form eines Dokumentarfilms an, er nahm jedoch aus verschiedenen GrĂŒnden Anpassungen vor. Er verkĂŒrzte die Handlung und er blendete, abgesehen von der Exposition, fast alle Elemente aus, die sich nicht auf das VerhĂ€ltnis der beiden Hauptdarsteller beziehen. DarĂŒber hinaus nahm er aus dramaturgischen GrĂŒnden Anpassungen vor. Die VerkĂŒrzung der RealitĂ€t auf einen kleinen Ausschnitt dient gleichzeitig der dramaturgischen Verfremdung. Hierdurch schafft sich Truffaut die Möglichkeit, auf Basis der Originalaufzeichnungen eigene Akzente zu setzen und vor allem autobiographische BezĂŒge einzubauen.
Das Privatleben des Dr. Itard spielt im Film keine Rolle, auĂer dass man weiĂ, dass er alleine mit seiner HaushĂ€lterin in einem groĂen Haus lebt. Ăber das Privatleben des historischen Jean Itard ist allerdings auch nicht viel bekannt. Er beendete 1796 mit 25 Jahren sein Medizinstudium und wandte sich danach der Chirurgie zu. Bald darauf befasste er sich mit dem Studium von HörvorgĂ€ngen. 1799 wirkte er am Nationalen Institut fĂŒr Gehörlose, dem spĂ€teren Kaiserlichen Taubstummen-Institut in Paris, dessen Chefarzt er 1800 wurde. 1821 wurde er Mitglied der AcadĂ©mie de MĂ©dicine. Durch seine pĂ€dagogische Arbeit mit Victor sowie aufgrund zahlreicher Abhandlungen zur Spracherziehung und Unterrichtung Gehörloser gilt Itard als ein VorlĂ€ufer der GehörlosenpĂ€dagogik und der GeistigbehindertenpĂ€dagogik.
Der Film beginnt â wie im Vorspann zu lesen â im Sommer 1798 mit Victors Entdeckung im Wald und endet neun Monate nachdem Dr. Itard Victor bei sich aufgenommen hat, also etwa ein bis höchstens zwei Jahre spĂ€ter, wobei Truffaut bewusst auf weitere Zeitangaben verzichtet. Der historische Wilde von Aveyron wurde bereits im FrĂŒhjahr 1797 im Wald in der NĂ€he von Saint-Sernin-sur-Rance im DĂ©partement Aveyron erstmals gesichtet und gefangen genommen. Zwei Mal konnte er nach kurzer Zeit wieder fliehen, bis er dann im Januar 1800 nach Rodez gebracht wurde. In Rodez wurde der Junge ausgiebig von dem Naturforscher Bonnaterre beobachtet und untersucht. Diese ersten drei Jahre werden im Film stark verkĂŒrzt und Bonnaterre ĂŒberhaupt nicht erwĂ€hnt.
Der historische Victor wird als âabstoĂende Kreaturâ beschrieben, die bei ihrem Aufgreifen lediglich ein in Fetzen hĂ€ngendes Hemd trug. Im Film ist der Junge dagegen nackt. AuĂerdem besetzte Truffaut die Rolle des Jungen explizit mit einem âschönenâ Jungen â eine dramaturgische Notwendigkeit, um die Sympathie des Zuschauers zu lenken.
In der Taubstummenanstalt in Paris, in die der Junge 1799 ĂŒberstellt wurde, hielt die Mehrheit der Ărzte den Jungen fĂŒr einen unheilbaren Irren. Nur Dr. Itard war anderer Ansicht. Im Film ist die wissenschaftliche Kontroverse ganz auf die beiden Personen Prof. Pinel und Dr. Itard reduziert. Andere Ărzte treten nur als Staffage auf.
Dr. Itards Bericht an die AcadĂšmie de MĂ©dicine aus dem Jahr 1801 berichtet ĂŒber Victors Fortschritte im ersten Jahr unter Itards Obhut. Aus dem zweiten Bericht aus dem Jahre 1806 an das Innenministerium geht hervor, dass sich nach diesem Zeitpunkt die Entwicklung deutlich verlangsamte und schlieĂlich stagnierte. Truffaut verwendet fĂŒr den Film Elemente aus beiden Berichten, wobei offenbleibt, ob der Film vor oder nach dem Absenden des ersten Berichts endet. Die Berichte selbst werden im Film nicht erwĂ€hnt, es ist lediglich zu sehen, dass Dr. Itard jedes Detail akribisch dokumentiert.
Truffaut stellt die positiven Entwicklungen im Gegensatz zu den RĂŒckschlĂ€gen stĂ€rker in den Vordergrund und zieht sĂ€mtliche Erfolge in diesen ersten neun Monaten zusammen. Somit endet der Film mit dem letzten hoffnungsvollen Moment in Victors Entwicklung. Truffaut verĂ€ndert aus dramaturgischen GrĂŒnden einzelne Elemente. So verzichtet er darauf, eine dokumentierte Episode aufzunehmen, in der Dr. Itard Victor zur Bestrafung kopfĂŒber aus dem Fenster im vierten Stock hĂ€lt, worauf Victor erstmals weint. Stattdessen wird im Film ersatzweise das eher harmlose Einsperren in die Kammer als Bestrafungsmethode gezeigt.
Der Haushalt Itard bestand tatsĂ€chlich nicht nur aus dem Doktor und Madame GuĂ©rin, sondern anfangs auch aus deren Ehemann. Victor deckte regelmĂ€Ăig fĂŒr vier Personen den Tisch. Nachdem Monsieur GuĂ©rin gestorben war, war Victor nicht in der Lage, alleine die verĂ€nderte Situation zu begreifen, und deckte weiterhin fĂŒr vier Personen.cite-ref-8[8] Victor wurde bis zum Ende von Madame GuĂ©rin betreut und lebte ab seinem 18. Lebensjahr in einem NebengebĂ€ude der Gehörlosenanstalt in Paris, wo er 1828 mit ca. 40 Jahren verstarb. In diesen ĂŒber 20 Jahren machte er keinerlei Fortschritte mehr.
Zeitgeschichtliche Einordnung
Mit dem 18. Jahrhundert ging in Frankreich auch das Zeitalter der AufklĂ€rung zu Ende. Die Ideen der AufklĂ€rung waren im Volk weit verbreitet, wurden aber zum Teil schon wieder in Frage gestellt. Jean-Jacques Rousseau postulierte 1755 in seiner Abhandlung ĂŒber den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen den âedlen Wildenâ als Idealbild des von der Zivilisation unverdorbenen Naturmenschen. Sieben Jahre danach legte Rousseau mit Ămile oder ĂŒber die Erziehung sein Hauptwerk der Erziehungslehre vor. Ebenfalls Mitte des 18. Jahrhunderts prĂ€gte der schwedische Naturwissenschaftler Carl von LinnĂ© den Begriff des homo ferus, den er als wilden Menschen beschrieb, der nicht sprechen konnte, der unfĂ€hig war, aufrecht zu gehen, und der sich wie ein Tier benahm. Als Victor Ende des 18. Jahrhunderts gefunden wurde, waren die Intellektuellen nach wie vor daran interessiert, ihre Vorstellungen von âBildungâ weiterzugeben. Dr. Itard vertrat â im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen â die Ansicht, dass es möglich sei, einen âWildenâ durch Erziehung in die Zivilisation einzufĂŒhren.
Hier zeigt sich eine interessante Parallele zwischen der Zeit um 1800, in der der Film spielt, und dem Jahr 1970, in dem der Film erschien. Das Jahr 1970 war geprĂ€gt von anhaltenden Studentenunruhen und einer breiten gesellschaftlichen Diskussion ĂŒber das menschliche Miteinander. Es gab hitzige Diskussionen ĂŒber die bĂŒrgerlichen Werte und Ideale, ĂŒber Ausbeutung und ĂŒber MachtverhĂ€ltnisse. Das Erziehungssystem war als ein HauptĂŒbel des bestehenden Gesellschaftssystems erkannt worden. Auch hier waren also âBildungâ und âErziehungâ als SchlĂŒssel fĂŒr ein zivilisiertes Miteinander erkannt worden, sodass der Film trotz des historischen Stoffes ein damals Ă€uĂerst aktuelles Thema berĂŒhrte.
Truffaut behandelte diese Fragen weder auf wissenschaftliche noch auf abstrakte Weise, sondern lieĂ den Wolfsjungen lediglich als ProjektionsflĂ€che oder als Metapher dienen. Truffaut warf diese Fragen auf und der Zuschauer reflektierte anhand der Person des Victor ĂŒber die echten oder vermeintlichen zivilisatorischen Werte, ohne Antworten zu erwarten, da er wissen musste, dass Victor sie nicht geben kann. Truffaut entzog sich so einer geschichtlichen Einordnung, sodass der Film trotz des historischen Stoffes AktualitĂ€t und AuthentizitĂ€t ausstrahlte. Auch heute noch wirken daher die hier aufgeworfenen Fragen bezĂŒglich Generationenkonflikt, Erziehung, Schule und Gesellschaft sowie sozialer Interaktion, Vereinzelung oder Vereinsamung zeitlos.cite-ref-9[9]
Zeichnung der Figuren und Symbolik
Truffaut lĂ€sst die Erwachsenen bewusst nĂŒchtern und emotionslos agieren, um die Zuschauer ohne Ablenkung oder Sympathienahme auf die Entwicklung des Jungen zu fokussieren und um ihn fĂŒr die erhofften GefĂŒhlsĂ€uĂerungen Victors zu sensibilisieren. Dr. Itard und Prof. Pinel bestreiten ihren Disput ĂŒber Victors Zustand und Aussichten ausschlieĂlich auf wissenschaftlicher Ebene. Beim Austausch der deutlich differierenden Meinungen sind bei beiden keinerlei Emotionen erkennbar. Das Interesse Dr. Itards an Victor scheint zunĂ€chst rein wissenschaftlich zu sein. Erst in dem Augenblick, als Victor erste zaghafte GefĂŒhlsregungen zeigt, lĂ€sst Itard selbst welche zu, indem er gegenĂŒber dem Jungen ungeduldig wird und schlieĂlich bereits aufgeben will.
Mme. GuĂ©rin schlieĂlich ĂŒbernimmt ihre Aufgabe zwar engagiert, jedoch ebenfalls weitgehend emotionslos. Nur in wenigen FĂ€llen lĂ€sst sie ihre GefĂŒhle durchblicken: Einmal, als sie dem Doktor vorwirft, er ĂŒberfordere den Jungen, und dann, als Victor am Ende des Films zurĂŒckkommt und sie ihn in ihre Arme nimmt. Dieser Zeitpunkt, neun Monate nach Beginn des Erziehungsprozesses, steht auch symbolisch. Victor ist nun in seinem neuen Leben angekommen, quasi (nach einer neunmonatigen âSchwangerschaftâ) neu geboren worden, mit Itard als Vater und Mme. GuĂ©rin als Mutter.
Truffaut hatte in seinen Filmen Lieblingsthemen, auf die er immer wieder zurĂŒckkam. Die Themen âBĂŒcherâ und âLesenâ (als Synonym und Grundlage fĂŒr âBildungâ) gehörten dazu und er baute sie in vielen Filmen ein. In Fahrenheit 451, dem Film, den er drehte, als er mit der Arbeit am Drehbuch zu Der Wolfsjunge begann, war das Thema zentral. Viele der Spiele, die sich Dr. Itard fĂŒr Victor ausdenkt, drehen sich um Buchstaben und Wörter. Immer wieder kommt Itard darauf zurĂŒck, so auch in den beiden âBestrafungsszenenâ. In der zweiten dieser Szenen, als Itard beschlieĂt, Victor ungerechtfertigt zu bestrafen, lĂ€sst er sich von Victor ein Buch und einen SchlĂŒssel bringen, zwei Dinge, die Itard mit Bedacht aus allen zuvor benutzten GegenstĂ€nden auswĂ€hlt. Die Kombination dieser beiden Begriffe zeigt symbolisch Truffauts Credo: BĂŒcher sind der SchlĂŒssel zur Bildung und zur menschlichen Entwicklung. Das Symbol des SchlĂŒssels durchzieht zudem den gesamten Film.
Die offensichtlich unĂŒberbrĂŒckbaren GegensĂ€tze zwischen der Welt des Jungen und der Welt der Menschen werden von Truffaut auf vielfĂ€ltige Weise symbolisiert. Gleich zu Beginn stehen sich Victors explizite Nacktheit und die voluminösen GewĂ€nder der Menschen im Dorf gegenĂŒber. SpĂ€ter folgt die lange Einstellung auf den von hohen Mauern eingezĂ€unten, von Menschenhand gestalteten Garten des Instituts als Symbol fĂŒr die gezĂ€hmte Natur im Vergleich zur freien, wilden Natur drauĂen im Wald.
Weitere Symbole stehen fĂŒr diese GegensĂ€tze: Spiegel tauchen im Film mehrfach auf, am eindrĂŒcklichsten in der Szene, da Victor ausdruckslos in den Spiegel schaut, in dem sich im Hintergrund drohend Prof. Pinel und Dr. Itard spiegeln. Ein wiederkehrendes Symbol fĂŒr die âkĂŒnstlicheâ Welt ist die Kerze im Gegensatz zum Mond, den der nachts drauĂen spielende Victor anschaut. Fenster sind oder werden in einigen SchlĂŒsselszenen geöffnet, den Ausgleich zwischen Natur und Kultur symbolisierend. In zwei wichtigen Szenen sind Fenster jedoch geschlossen und symbolisieren so die Distanz der dahinter stehenden Personen (einmal Prof. Pinel im GesprĂ€ch mit Dr. Itard, einmal Dr. Itard alleine) zur Natur.
Das lebensnotwendige Wasser, das âdrauĂenâ in BĂ€chen oder als Regen im Ăberfluss vorhanden ist, wird âdrinnenâ vom Doktor in kleinen Dosen als Belohnung verabreicht. SchlieĂlich symbolisiert die intakte Familie Lemeri, bei der sich Victor ganz offensichtlich wohlfĂŒhlt, die Naturverbundenheit, wĂ€hrend der eher abstrakt aus Hausherr, HaushĂ€lterin und Findelkind zusammengesetzte Haushalt Itard eine eindeutige KĂŒnstlichkeit ausstrahlt.cite-ref-10[10]
Autobiographische BezĂŒge
FĂŒr Truffaut, einen MitbegrĂŒnder der Auteur-Theorie, war es selbstverstĂ€ndlich, in alle seine Filme autobiographische BezĂŒge einflieĂen zu lassen. Der Wolfsjunge ist Jean-Pierre LĂ©aud gewidmet, den Truffaut 1959 fĂŒr sein Erstlingswerk Sie kĂŒssten und sie schlugen ihn entdeckte, ihn förderte und ihn zu einem Star machte. Truffaut wurde zu einer Art Ersatzvater fĂŒr LĂ©aud, er fĂŒhlte fĂŒr ihn ein gewisses MaĂ Verantwortung und war letztendlich auch stolz auf sein âWerkâ. LĂ©aud hatte seinen Status und seine Erziehung dem Kino zu verdanken. Zur Zeit der Dreharbeiten zu Tisch und Bett wohnte LĂ©aud auch privat bei seinem âZiehvaterâ Truffaut.
Truffauts eigene Kindheit war zerrĂŒttet. Seine Mutter erkannte ihn nie als legitimes Kind an, und er wuchs den gröĂten Teil seiner Kindheit, eher geduldet als geliebt, bei Verwandten auf. Er kam des Ăfteren mit dem Gesetz in Konflikt, und er erfuhr schlieĂlich nur aus eigener Recherche, dass sein vermeintlicher Vater, zu dem er ein besseres VerhĂ€ltnis hatte als zu seiner Mutter, nur sein Stiefvater war. Mit 15 Jahren wurde Truffaut von AndrĂ© Bazin, dem Herausgeber der Cahiers du cinĂ©ma, aufgenommen und wie ein Sohn behandelt. Bazin war Sie kĂŒssten und sie schlugen ihn gewidmet.
Das VerhĂ€ltnis Dr. Itard/Victor spiegelt zwar vordergrĂŒndig das VerhĂ€ltnis Truffaut/LĂ©aud wider. Jedoch geben einige ĂuĂerungen Truffauts Anlass zu der Annahme, dass vielmehr das VerhĂ€ltnis Bazin/Truffaut Vorbild fĂŒr die Anlage der Figuren war. So bekannte Truffaut, dass er es vorziehe, autobiographische BezĂŒge weniger in Filmen nach eigener Vorlage zu machen, also den offenkundig autobiographischen Filmen, als vielmehr versteckt in seinen Filmen nach fremder Vorlage. Auf diese Weise fĂŒhle er sich, wie er sagte, freier, Aussagen ĂŒber sich selbst zu machen.cite-ref-11[11]
Truffaut war, was das Filmemachen betrifft, Autodidakt. Er verstand dies so, dass er immer nur das gelernt hat, was ihm nĂŒtzlich erschien und was ihn reizte.cite-ref-12[12] Diese Vorstellung, nur das zu lernen, was man im weiteren Leben brauchen kann, entspricht daher seinem idealen Erziehungsbild, das er versucht, in Der Wolfsjunge weiterzugeben. Dr. Itard ist hierbei, was Fragen der Erziehung betrifft, ebenso Autodidakt wie Truffaut beim Filmemachen. Itard geht wissenschaftlich an die Aufgabe heran und dokumentiert alle seine Ergebnisse. Er macht selbst einen permanenten Lernprozess durch.
Unter diesen Vorzeichen ist Truffauts Rolle in dem Film sehr komplex. Er ist als Dr. Itard der Ersatzvater Victors (und per Widmung Jean-Pierre LĂ©auds), er ist gleichzeitig Victor selbst, der von Dr. Itard, der wiederum fĂŒr AndrĂ© Bazin steht, erzogen wird. In seiner Rolle dokumentiert er als Wissenschaftler möglichst akkurat und als Schriftsteller möglichst anschaulich Victors Entwicklungsschritte. Als Pendant hierzu im wirklichen Leben ist Truffaut der Drehbuchautor, der Itards Vorlage dramaturgisch einkĂŒrzt und aufbereitet, und schlieĂlich der Regisseur, der dieses Drehbuch mit Leben erfĂŒllt.
Rezeption und Nachwirkungen
Reaktionen zur Premiere
Truffaut glaubte selbst nicht an einen Erfolg von Der Wolfsjunge. Er fand den Film zu streng und zu nĂŒchtern fĂŒr das breite Publikum. Die Premiere fand am 26. Februar 1970 in Paris statt.
Schon vorab lobte der Figaro den Regisseur:
âEr spielt nicht. Er ist selbst der Mann, der die Hilfe weitergibt, die ihm zuvor zuteil wurde. Er rezitiert die Texte Jean Itards und spricht die Worte, die möglicherweise damals so gefallen sind. Aber es sind gleichzeitig Itard und Truffaut, der Itard in sich aufnimmt. Vielleicht wurde noch nie zuvor eine historische Rolle so tiefgrĂŒndig interpretiert.âcite-ref-13[13]
Nach der Premiere reagierten Kritik und Publikum ausgesprochen positiv auf den Film. Le Monde schrieb, Truffaut hĂ€tte in einer Art kreativ inspiriertem Enthusiasmus erfolgreich ein Ă€uĂerst edles Werk geschaffen, das wohl die verwirrendste Erfahrung seiner Karriere sei. Truffaut sei nicht nur der CinĂ©ast, der die Bewegungen des Herzens erfasst, und der Poet, der die Natur und das mĂ€rchenhafte der Wirklichkeit auszudrĂŒcken weiĂ. Indem er Dr. Itard selbst spielt, verzichte er auf einen Vermittler, der den kleinen Jungen lenkt. Truffaut sei daher zugleich Vater, Lehrer, Arzt und Forscher. Hin- und hergerissen zwischen Begeisterung und Entmutigung, zwischen Sicherheit und Zweifel wĂŒrde Itard seine Aufgabe verfolgen. Zum Schluss hin erreiche der Film all seine Bedeutung, seine Schönheit. Denn nach einer Flucht kommt Victor zu Itard zurĂŒck. Obwohl Victor nach wie vor weder sprechen noch verstehen kann, sei er inzwischen fĂ€hig, seine Emotionen auszudrĂŒcken. In seiner Auflehnung zeige sich sein VerstĂ€ndnis, zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zu unterscheiden. Wenn Itard ihm am Ende sagt: âDu bist kein Wilder mehr, wenn du auch noch kein Mensch bistâ, so sei sicher, dass das Vordringen zu diesem Punkt, zu diesem Austausch von Vertrautheit, die gemachten Erfahrungen das Experiment wert gewesen seien â genauso wie es fĂŒr Truffaut selbst die Leiden wert gewesen seien, seine eigene Kindheit in seiner Reife wiederzufinden, indem er sich ĂŒber den Menschen Gedanken macht, mit Tiefe, Lyrik und Ernsthaftigkeit.cite-ref-14[14]
In Kulturmagazin TĂ©lĂ©rama war eine Woche nach der Premiere ĂŒber den Film zu lesen:
ââDer Wolfsjungeâ ist ein unvollendeter Film. Man kann darĂŒber staunen, dass Truffaut die malerischsten Episoden aus dem GedĂ€chtnis des Dr. Itard ausgelassen hat, genauso wie die rauen Episoden aus der PubertĂ€t. Der Film wurde dadurch jedoch stĂ€rker, dichter und wahrer. Er musste letztlich unvollendet bleiben, wie jede Erziehung. Dr. Itard hatte sein Ziel nach einer sehr verwunderlichen Erfahrung erreicht: Als Antwort auf eine Ungerechtigkeit hat das Kind den Doktor gebissen. Diese Tat war schlieĂlich der Beweis, dass das Kind auf der Höhe der moralischen Menschen angelangt war.âcite-ref-15[15]
Auswirkungen des Films in Frankreich
Innerhalb weniger Wochen sahen den Film in Frankreich 200.000 Menschen und innerhalb eines halben Jahres erschienen rund 150 Zeitungsartikel zu dem Film. Truffaut erhielt unzĂ€hlige Briefe, zumeist von SchĂŒlern oder Lehrern, die er sĂ€mtlich persönlich beantwortete. Truffaut wurde zu einem gefragten Interviewpartner und erhielt den Ruf, ein pĂ€dagogischer Regisseur zu sein, was er durchaus genoss.
Der Fernsehjournalist Pierre Dumayet lud Truffaut zu seiner Diskussionssendung âLâInvitĂ© du dimancheâ ein, wo dieser am 29. Oktober 1969 Gelegenheit erhielt, zur besten Sendezeit im französischen Fernsehen ĂŒber viele seiner Herzensthemen, ĂŒber Erziehung, ĂŒber Kindheit und ĂŒber BĂŒcher zu reden und zu diskutieren. Dumayet leitete die Sendung ein mit den Worten: âWenn man aus diesem Film kommt, ist man stolz darauf, lesen zu können.âcite-ref-16[16] Es folgen weitere Fernsehauftritte sowie eine einstĂŒndige Fernsehdokumentation anlĂ€sslich Truffauts 10-jĂ€hrigen Regie-JubilĂ€ums, die teilweise in Aubiat gedreht wurde.
In einem ausfĂŒhrlichen Artikel schreibt die Zeitung Le Nouvel Observateurcite-ref-17[17] ĂŒber Truffaut: âIst der junge Wolf der Nouvelle Vague nun mit achtunddreiĂig Jahren zu einem unangreifbaren Regisseur geworden? Nein: Vielmehr ist er zum Menschen unter Menschen geworden.â Im Interview bekrĂ€ftigt Truffaut, seine Filme seien eine Kritik an der französischen Art, die Kinder zu erziehen. Ihm sei dies auf seinen Reisen klargeworden. Er sei verblĂŒfft gewesen, als er erkannte, dass das GlĂŒck der Kinder nichts mit der finanziellen Situation ihrer Eltern oder in ihrem Land zu tun hat. WĂ€hrend in der armen TĂŒrkei das Kind heilig sei, seien in Japan die Beziehungen zwischen Kindern und Eltern, wie er sagte, mies und schĂ€big.cite-ref-18[18]
Truffaut war nun mehr denn je eine Person des öffentlichen Lebens. So erhielt er Gelegenheit, im Juni 1970 eine Woche lang das Mittagsmagazin von RTL zu moderieren. Er griff in schneller Folge diverse Themen auf, die ihm am Herzen liegen, zum Beispiel Waffenhandel und Zensur im Fernsehen. Er wollte Tabus brechen und manche der von ihm eingebrachten Ideen wurde von den Verantwortlichen auch abgelehnt. Truffaut sah sich selbst als kompromisslosen, also souverĂ€nen und einsamen Mann, sein vormaliger Ruf eines eher schĂŒchternen Menschen war dahin.
Truffaut setzte sich im Laufe der 1970er Jahre weiterhin vehement fĂŒr die Kinderrechte ein. Er unterstĂŒtzte verschiedene Vereinigungen wie die von Lino Ventura gegrĂŒndete Perce-Neigecite-ref-19[19] oder den Verein fĂŒr die Förderung gehörloser Kinder. AuĂerdem unterstĂŒtzte er weitere Schulen und Zentren, die sich um verhaltensauffĂ€llige oder geistig behinderte Kinder kĂŒmmerten. Truffaut lieĂ all diesen Institutionen groĂzĂŒgig Geld zukommen und er vertrat die Interessen der betroffenen Kinder in der Ăffentlichkeit, so oft er konnte.cite-ref-20[20]
Reaktionen im Ausland
Truffaut verwendete viel Zeit und Energie darauf, seine Filme ins Ausland zu begleiten und dort fĂŒr sie zu werben. FĂŒr Der Wolfsjunge besuchte er ĂŒber ein Dutzend LĂ€nder in Europa, auĂerdem Japan, Israel und Persien. Doch Truffaut wusste, dass der Erfolg eines Films in den USA ausschlaggebend fĂŒr das Renommee eines Regisseurs ist. So sprach er fĂŒr den amerikanischen Markt seine eigenen Zwischentexte in Englisch ein, so dass nur noch die wenigen Dialoge zu untertiteln waren und der Film somit auch fĂŒr Kinder zugĂ€nglich war.cite-ref-21[21]
Am 10. September 1970 wurde Der Wolfsjunge zur Eröffnung des achten New York Film Festivals im Lincoln Center gezeigt. Truffaut selbst stellte seinen Film vor, er wurde zum unumstrittenen Star des Festivals. Der New Haven Register schrieb: âBei der Eröffnung erhielt LâEnfant Sauvage rauschenden Beifall, und der Anblick von Truffauts fragiler und schĂŒchterner Gestalt in der Ehrenloge der Philharmonic Hall war einer dieser denkwĂŒrdigen Momente im Rampenlicht, die den Saal mit Magie erfĂŒllten, bis die Scheinwerfer wieder erloschen.âcite-ref-22[22]
Bald darauf kam der Film in die amerikanischen Kinos. Binnen kurzer Zeit verlieĂ die Debatte ĂŒber The Wild Child, so der amerikanische Verleihtitel, Cineastenkreise und eroberte Magazine, Zeitungen und UniversitĂ€ten. Die New York Times veröffentlichte ein zweiseitiges PortrĂ€t ĂŒber Truffaut, in dem die schauspielerischen FĂ€higkeiten und die Verdienste als Regisseur ausgiebig gewĂŒrdigt werden. In den UniversitĂ€tsstĂ€dten ist der Erfolg des Films, der ein gesellschaftliches PhĂ€nomen berĂŒhrt, noch offenkundiger. Viele UniversitĂ€ten nehmen den Film fĂŒr Vorlesungen ĂŒber Erziehungswissenschaften in ihr Programm auf.
Der Wolfsjunge spielte in den USA rund 210 000 Dollar ein. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen von Kritiker- und SchriftstellerverbĂ€nden und von kirchlichen Organisationen. Truffaut wurde insbesondere durch Der Wolfsjunge zu einem der europĂ€ischen Lieblingsregisseure der amerikanischen Intellektuellen, neben Ingmar Bergman und Federico Fellini. In den Augen einiger Kritiker wurde Truffaut aufgrund der Erfolge seiner drei âkleineren Filmeâ Gestohlene KĂŒsse, Der Wolfsjunge und Tisch und Bett zu âthe new Renoirâ. Der New Yorker Pressechef von United Artists schrieb bald nach der Premiere von Der Wolfsjunge an Truffaut, er sei auf dem besten Weg, in den groĂen amerikanischen StĂ€dten aus der Nische einer elitĂ€ren Kultur herauszutreten und ein breiteres gebildetes Publikum zu erreichen.cite-ref-23[23]
Namhafte amerikanische Filmschaffende beglĂŒckwĂŒnschten ihn zu seinem Erfolg, unter anderen Stanley Kubrick und Gene Wilder. Mit Alfred Hitchcock verband Truffaut seit dem berĂŒhmten Interview 1962 eine Freundschaft. Hitchcock schrieb ihm: âIch habe mir LâEnfant sauvage angesehen und fand ihn groĂartig. Bitte, besorge mir ein Autogramm des Schauspielers, der den Arzt spielt. Er ist wunderbar. Ich möchte dieses Autogramm fĂŒr Alma Hitchcock. Ihr standen die TrĂ€nen in den Augen.âcite-ref-24[24]
Die Deutschland-Premiere von Der Wolfsjunge fand am 8. April 1971 statt, noch im gleichen Monatcite-ref-25[25] lief er auch in den DDR-Kinos an. Die DEFA-Synchronisation, von Wolf Donner als âsorgsamâ gelobt, kam in beiden deutschen Staaten zum Einsatz.cite-ref-26[26]
Truffauts und Cargols Erfahrungen als Schauspieler
FĂŒr die beiden Hauptdarsteller war dies die erste Erfahrung als Schauspieler. Truffaut machten die Dreharbeiten groĂen SpaĂ und er nahm nur positive Erfahrungen mit:
âDer Blick eines Schauspielers vor der Filmkamera ist Ă€uĂerst faszinierend, denn er spiegelt gleichzeitig VergnĂŒgen und Frustration. VergnĂŒgen, da die feminine Seite, die in jedem Mann (und erst recht in jedem Schauspieler) steckt, durch seine Rolle als Objekt befriedigt wird. Und Frustration, weil es auch immer einen mehr oder weniger ausgeprĂ€gten virilen Zug gibt, der sich eben gegen dieses Objektsein auflehnen will.â
â
François Truffaut
Truffaut lieĂ dieser ersten Hauptrolle spĂ€ter zwei weitere in eigenen Filmen folgen: 1973 in Die amerikanische Nacht und 1978 in Das grĂŒne Zimmer, in diesem Film nimmt er als Reminiszenz an Der Wolfsjunge einen taubstummen Jungen bei sich auf. Seinen gröĂten internationalen Erfolg als Schauspieler sollte Truffaut jedoch 1977 in einer Nebenrolle in Steven Spielbergs Film Unheimliche Begegnung der dritten Art haben. Die Figur des französischen Sprachwissenschaftlers Lacombe war deutlich von Truffauts Rolle als Dr. Itard in Der Wolfsjunge inspiriert.
Jean-Pierre Cargol sollte keine lange Filmkarriere haben. In einem Brief aus dem Mai 1970 versprach er zwar, der erste âZigeuner-Regisseurâ zu werden.cite-ref-28[28] Daraus wurde jedoch nichts. FĂŒr ihn sollte nur noch ein weiterer Filmauftritt folgen: 1974 hatte er eine Nebenrolle in Duell in Vaccares.
Auszeichnungen
Der Wolfsjunge wurde nicht nur von Kritik und Publikum unerwartet wohlwollend aufgenommen, er gewann in der Folge auch einige Preise. Beim sechsten Internationalen Filmfestival in Teheran konnte der Film den Spezialpreis der Jury erringen.cite-ref-baecque-29-0[29] In Frankreich gewann Der Wolfsjunge 1971 den Prix MéliÚs als bester Film. Der Preis wurde von der Gewerkschaft der französischen Kinokritiker (Association Française de la Critique de Cinéma) vergeben.
Die Film Society of Lincoln Center wĂ€hlte Der Wolfsjunge als Eröffnungsfilm fĂŒr das achte New Yorker Film-Festival im September 1970 (bei diesem Festival werden keine Preise vergeben). Das National Board of Review, eine hoch angesehene New Yorker Organisation von Filmemachern und Filmwissenschaftlern, kĂŒrte Der Wolfsjunge 1971 zum besten auslĂ€ndischen Film und François Truffaut zum besten Regisseur.
Bei der Laurel Awards kam der Film in der Kategorie Bester auslĂ€ndischer Film auf den dritten Platz. SchlieĂlich gewann Nestor Almendros fĂŒr seine KamerafĂŒhrung den NSFC Award der National Society of Film Critics Awards der USA. DarĂŒber hinaus gewann der Film einige weitere Preise von Kritiker- und SchriftstellerverbĂ€nden sowie von kirchlichen Organisationen.cite-ref-baecque-29-1[29]
Retrospektive Kritik
In der retrospektiven Kritik wird Der Wolfsjunge ĂŒberwiegend positiv gesehen. So schreibt das Lexikon des Internationalen Films: âEin menschlich und kĂŒnstlerisch eindrucksvolles Dokument des Glaubens an eine gewisse EntwicklungsfĂ€higkeit jedes Menschen.â
Das Metzler Filmlexikon schreibt: âErst in entsprechender sozialer Umgebung, so lieĂe sich die Moral von Lâenfant sauvage beschreiben, können sich die natĂŒrlichen Anlagen des Menschen entwickeln und entfalten. Der Regisseur, der Dr. Itard selbst darstellte, wurde durch die Rolle, wie er spĂ€ter eingestand, sich der eigenen Vaterrolle gegenĂŒber dem Schauspieler Jean-Pierre LĂ©aud bewuĂt: Ihm widmete er diesen Film.â
De Baecque und Toubiana kommen in ihrer 1996 erschienenen Truffaut-Biographie zu dem Schluss: âDie pĂ€dagogische Berufung Truffauts und seines Kinos ist nie deutlicher geworden als in âLâEnfant sauvageâ, einem gleichermaĂen optimistischen und verzweifelten Werk. Ein optimistischer Film insofern, als er dem Erlernen von Kultur völlig vertraut; verzweifelt hingegen, weil gerade dieser Bildungsprozess die Gesellschaft immer wieder als einen Schlupfwinkel von KinderschĂ€ndern und Feiglingen entlarvt.â
2003 erstellte die Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung in Zusammenarbeit mit zahlreichen Filmschaffenden einen Filmkanon mit insgesamt 35 Filmen aus acht Jahrzehnten fĂŒr die Arbeit an Schulen. Der Wolfsjunge ist einer von fĂŒnf französischsprachigen Filmen.
Literatur
âą Antoine de Baecque, Serge Toubiana: François Truffaut â Biographie. Ăditions Gallimard, Paris 1996, dt. 2004, Egmont vgs Verlagsgesellschaft mbH, ISBN 3-8025-3417-4.
âą Julie F. Codell: Playing Doctor: Francois Truffautâs LâEnfant sauvage and the Auteur/Autobiographer as Impersonator. In: Biography, Schriftenreihe der University of Hawai'i Press, Volume 29, Number 1, Winter 2006, pp. 101â122
âą Georgiana Colvile: Children Being Filmed by Truffaut. French Review. 63.3 (1990), S. 444â451
âą Frieda Grafe: Alpha und Omega - François Truffauts Film Der Wolfsjunge. Erstveröffentlichung in: SĂŒddeutsche Zeitung vom 24. Mai 1971; in: Schriften, 3. Band, Verlag Brinkmann & Bose, Berlin 2003. ISBN 3-922660-82-7. S. 78â80.
⹠Friedrich Koch: Das Wilde Kind. Die Geschichte einer gescheiterten Dressur. EuropÀische Verlagsanstalt, Hamburg 1997, Seite 133 ff. ISBN 978-3-434-50410-8.
âą Friedrich Koch: Victor von Aveyron, Kaspar Hauser und Nell. Eine Filmbetrachtung. In: PĂ€dagogik Nr. 6/1995, S. 54 ff.
âą Dieter Krusche, JĂŒrgen Labenski: Reclams FilmfĂŒhrer. 7. Auflage, Reclam, Stuttgart 1987, ISBN 3-15-010205-7, S. 184f.
âą Lucien Malson (Hrsg.): Die wilden Kinder. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1972
âą Burkhard Voiges: Der Wolfsjunge. In: Alfred Holighaus (Hrsg.): Der Filmkanon â 35 Filme, die Sie kennen mĂŒssen. Schriftenreihe der Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung Band 448, Bertz + Fischer, Berlin 2005, ISBN 3-86505-160-X.
âą Birgitt Werner: Die Erziehung des Wilden von Aveyron. Ein Experiment auf der Schwelle zur Moderne. Peter Lang, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-631-52207-X.
âą Willi Winkler: Die Filme von François Truffaut. Heyne, MĂŒnchen 1984, ISBN 3-453-86080-2.
FuĂnoten und Einzelnachweise
cite-note-11. â Dieter Krusche, JĂŒrgen Labenski: Reclams FilmfĂŒhrer. 7. Auflage, Reclam, Stuttgart 1987, S. 184f.
cite-note-22. â Brief vom 6. September 1969, zitiert in de Baecque/Toubiana, S. 425
cite-note-33. â Aussage von Truffaut in TĂ©lerama, zitiert in de Baecque/Toubiana, S. 426
cite-note-44. â Brief von Truffaut an Gruault, 1. August 1969, zitiert in Voiges, S. 171
cite-note-55. â Brief von Gruault an Truffaut, 2. August 1969, zitiert in de Baecque/Toubiana, S. 426
cite-note-66. â Benoit Basirico: Interview B.O : Antoine Duhamel. In: Cinezik.fr. 3. November 2010, abgerufen am 11. Juni 2019 (französisch).
cite-note-77. â Der Wolfsjunge. In: Deutsche Synchronkartei. Abgerufen am 30. Oktober 2023.
cite-note-88. â Alain Pinon: Formation autour du film⊠LâEnfant Sauvage de François Truffaut. In: Pistes PĂ©dagogogiques. 2004/2005, archiviert vom Original am 25. Januar 2008; abgerufen am 11. Juni 2019 (französisch).
cite-note-99. â Vgl. hierzu âVoigesâ, S. 171 ff.
cite-note-1010. â Zur Symbolik in Der Wolfsjunge siehe u. a.: Lâenfant sauvage de François Truffaut. In: CinĂ©-club de Caen. Abgerufen am 11. Juni 2019 (französisch). Pierre Rostaing: De « Lâenfant sauvage » Ă lâenfant philosophe. In: ac-grenoble.fr. 10. Januar 2005, archiviert vom Original am 30. September 2007; abgerufen am 11. Juni 2019 (französisch).
cite-note-1111. â Vgl. Winkler, S. 116.
cite-note-1212. â Zitiert nach Winkler, S. 119.
cite-note-1313. â Claude Mauriac in Le Figaro LittĂ©raire, 23. Februar 1970; Original: «La crĂ©ation de Truffaut nâest pas celle dâun acteur, bien quâil soit aussi bon que le meilleur comĂ©dien. Il ne joue pas. Il est lui-mĂȘme tel quâil le souhaite: un homme qui aide aprĂšs avoir Ă©tĂ© aidĂ©. Disant devant nous le texte mĂȘme de jean Itard, ou profĂ©rant des mots quâil aurait pu dire, il est Ă la fois Itard et Truffaut, il est appliquĂ©, il est grave comme jamais peut-ĂȘtre aucun interprĂšte dâun rĂŽle historique ne le fut.»
cite-note-1414. â Yvonne Baby, in Le Monde, 27. Februar 1970; Original: âTruffaut, dans un Ă©lan inspirĂ© de crĂ©ation totale, fait (et rĂ©ussi) la plus noble et, nous semble-t-il, la plus bouleversante expĂ©rience de sa carriĂšre. Il nâest pas seulement le cinĂ©aste qui saisit les mouvements du coeur, le poĂšte qui sait rendre la nature et la rĂ©alitĂ© âfĂ©eriquesâ, mais, jouant Itard, renonçant Ă utiliser un intermĂ©diaire pour diriger son interprĂšte, le petit Gitan Jean-Pierre Cargol, il devient tout ensemble et, en plus, un pĂšre, un Ă©ducateur, un mĂ©decin, un chercheur. [âŠ] Entre lâenthousiasme et le dĂ©couragement, entre la certitude et le doute, Itard poursuit sa tĂąche, et, dans cette derniĂšre pĂ©riode, le film â qui, on le regrette, va bientĂŽt sâachever â prend toute sa signification, sa beautĂ©. Car, aprĂšs une fugue, Victor est revenu chez lui, et quoiquâil ne puisse tout comprendre ni ne rĂ©ussisse Ă parler, il est devenu capable dâexprimer son affectivitĂ© et a dĂ©couvert dans la rĂ©volte, âle sens du juste et de lâinjusteâ. âTu nâes plus un sauvage si tu nâes pas encore un hommeâ, lui dira, en finale, Itard, et il est sĂ»r que pour en arriver Ă ce stade dâacquis moral, Ă cet Ă©change de tendresse, de confiance, lâexpĂ©rience valait d'ĂȘtre tentĂ©e. Comme il valait la peine pour Truffaut de retrouver lâenfance Ă travers sa propre maturitĂ©, de sâinterroger sur lâhomme avec profondeur, lyrisme, gravitĂ©.â
cite-note-1515. â Jean Collet, TĂ©lĂ©rama, 7. MĂ€rz 1970; Original: «LâEnfant Sauvage est un film inachevĂ©. On peut sâĂ©tonner que Truffaut ait supprimĂ© les Ă©pisodes les plus pittoresques du âmĂ©moireâ, du docteur Itard, ou mĂȘme les plus croustillants, comme ceux de la pubertĂ©. Le film nâen est que plus fort, plus serrĂ©, plus vrai. InachevĂ©, il doit lâĂȘtre comme toute Ă©ducation. Son but pourtant est atteint aprĂšs une expĂ©rience oĂč le docteur Itard peut sâĂ©merveiller enfin: en rĂ©ponse Ă une injustice, lâenfant a mordu le docteur. [âŠ] Oui, cette rĂ©volte Ă©tait la preuve que lâenfant accĂ©dait Ă la hauteur de lâhomme moral.»
cite-note-1616. â Pierre Dumayet in seiner Sendung âLâInvitĂ© du dimancheâ am 29. Oktober 1969
cite-note-1717. â Le Nouvel Observateur, 2. MĂ€rz 1970, zitiert in de Baecque/Doubiana, S. 437
cite-note-1818. â Interview in Le Nouvel Observateur, 2. MĂ€rz 1970, zitiert in de Baecque/Doubiana, S. 437
cite-note-1919. â Perce-Neige. Fondation dâaide aux personnes handicapĂ©es, abgerufen am 11. Juni 2019 (französisch).
cite-note-2020. â Vgl. De Baecque/Doubiana, S. 674
cite-note-2121. â Roger Ebert: The Wild Child. In: rogerebert.com. 16. Oktober 1970, abgerufen am 11. Juni 2019 (englisch).
cite-note-2222. â New Haven Register, 20. September 1970, zitiert in de Baecque/Doubiana, S. 443
cite-note-2323. â Nach De Baecque/Doubiana, S. 440
cite-note-2424. â Brief von Hitchcock an Truffaut, zitiert in de Baecque/Doubiana, S. 444
cite-note-2525. â laut Internet Movie Database: 23. April 1971
cite-note-271. Aussage von Truffaut in Télerama, zitiert in de Baecque/Toubiana, S. 427
cite-note-2828. â Vgl. de Baecque/Doubiana, S. 427.
cite-note-baecque-2929. â Siehe De Baecque/Doubiana, S. 441.
Weblinks
âą Der Wolfsjunge bei IMDb
âą Der Wolfsjunge bei Rotten Tomatoes (englisch)
âą Der Wolfsjunge in der Deutschen Synchronkartei